Der Park für Gegenwartskunst LA Collection’Air ist ein Freiraum zum Ausleben von Fantasie, Ironie, Betrachtung, Experimentieren, Mystik und Glück. Das große „Herz“, eine Skulptur von Vasily Klyukin, die aus dem historischen Stadtzentrum, von der ältesten Kapellbrücke aus sichtbar ist, versinnbildlicht auf beeindruckende Weise das allgemeine Konzept des Parks und den Geist der Exposition. Das klopfende Herz liefert den Schlüssel zur sinnlichen, heißen und emotionsgeladenen Wanderung, zu der LA Collection’Air ihre Gäste einlädt. Die Sammlung, zusammengetragen von dem Besitzer des Hotels Château Gütsch, Unternehmer und Philanthropen Alexander Lebedev und seiner Frau Elena Perminova, umfasst gut 50 Kunstgegenstände. Alle Werke stammen von russischen Bildhauern, sowohl reifen Meistern als auch jungen begabten Künstlern, deren schöpferische Karriere erst beginnt. Die einmalige Sammlung ist extra für LA Collection’ Air erstellt worden. Bei der Auswahl der Werke hat man die lokale Landschaft und das Panorama der Stadt Luzern berücksichtigt.

Alle Werke von LA Collection’Air sind in drei Themen zusammengefasst: „Figuren und Gestalten“, „Bestiarium“ sowie „Zeichen und Symbole“. Jedes Thema bietet unerwartete Lösungen, unkonventionelle Motive und gibt Anlass zum Nachdenken.

„Figuren und Gestalten“

Dank spielenden Kindern, gefesselten Schurken und einem schimmernden David vermittel der Park das Gefühl eines interaktiven Raums, voller Handlung, Emotionen, Gesten und menschlicher Reaktionen.

Bei „D-1000“ von Michael Tsaturyan (2017) handelt es sich um eine Paraphrase über den David von Michelangelo mit Zügen des Terminators. Die Monumentalstatue ist in derselben Gießtechnik entstanden wie die glänzenden Metallskulpturen von Anish Kapoor. Die meisten Werke von Michael Tsaturyan sind dem Mashup-Genre zuzuordnen, in dem sich Epochen, Personen und Stile auf eine ausgesprochen groteske und ironische Weise mischen. Helden der Renaissance verlagern sich in die moderne Popkultur, Religion begegnet der Technologie, Dichtung hadert mit dem Banalen.

Die „Villains” (“Schurken”) von Andrei Sharov (2017), anonyme Figuren in Handschellen, alle in den gleichen gestreiften Anzügen und in der gleichen Stellung, wirken wie Dressmen auf dem Laufsteg. Nur einzelne Merkmale wie Frisur oder Schnurrbart lassen dahinter das Urbild vermuten: hier stehen Hitler, Stalin, Lenin, Al Capone, Jack the Ripper, Pablo Escobar, die Gräfin Elisabeth Báthory. Sie sind fast alle zu Lebzeiten der Vergeltung entgangen, aber von dem Autor symbolisch bestraft worden; die Tyrannen und Mörder werden verhaftet bleiben, solange ihre Untaten den Menschen gegenwärtig sind. Andrei Sharov ist Modedesigner, Bühnen- und Filmmaler. Der multidisziplinäre Künstler und Designer bevorzugt seit einiger Zeit die Malerei und polychrome Skulptur.

Die Installation „Das Spiel“ (2017) setzt sich gleich vielen Projekten von Vladimir Grig mit Grenzzuständen auseinander, wenn die „wiedererkennbare“ Wirklichkeit sich uns unter einem besonderen Blickwinkel zeigt. Die Figuren der Verstecken spielenden Kinder machen den Zuschauer gemäß der Absicht des Autors zum Späher. Was ist dies: unschuldiger Zeitvertreib oder Abdruck des Sozialverhaltens? Der Autor erzeugt gekonnt das Gefühl der Gefahr und lädt zur Reflexion ein. Vladimir Grig ist Maler, Bildhauer, Musiker und Science-Art-Künstler.

„Bestiarium“

Tiere und Insekten sind die willkommensten Gäste im Open-Air-Park. Einige Kunstobjekte ahmen wirkliche Bewohner von Wald und Feld nach, andere wiederum verdanken ihre Existenz ganz der Einbildungskraft des Künstlers.

Die Skulpturen „Deers“ („Hirsche“, 2016) und „Insects“ („Insekten“, 2016) von Nikolay Polissky, mit Axt aus Holz gehauen, strahlen die Energie der Primitivisten aus. Nikolay Polissky ist ein berühmter Vertreter der russischen Land Art. Alle Kunstobjekte von ihm sind für Naturräume gedacht. Seine Tierdarstellung balanciert zwischen dem herkömmlichen „Tierstil“ und der trendigen ökologischen Skulptur.

Der „Rüsselträger“ von Maxim Svishëv (2017) ist ein dreidimensionales Objekt aus Metall und Plastik, dem noch Merkmale eines Digitalmediums anhaften. Das Wundertier liefert ein Beispiel für freie Formgebung, die an digitale Simulationsmodelle und satte Bildschirmfarben anlehnt. Das optimistische Bild ist rein von etablierten Assoziationen und kulturellen Stereotypen. Maxim Svishëv wechselt ungezwungen zwischen den Techniken: er tritt als Maler, Grafiker, Installationskünstler auf. Neuerdings hat er sich der Computeranimation, Videokunst und virtuellen Skulptur zugewandt.

Im Projekt „Cubism“ („Kubismus“, 2016) hat Andrei Lublinsky aus Metallwürfeln zoomorphe Gestalten gebaut: ein Nilpferd, einen Hund, einen Elch und einen Hasen. Die riesengroßen Hunde aus Spiegelstahl sind wahre Land Art: in ihnen spiegelt sich der blaue Himmel von Luzern. Der Petersburger Künstler schafft an der Schnittstelle zwischen Design und Kunst. Seine plastischen Ideen basieren auf dem Pixel, dem Baustein der digitalen Ära. Das Baukastenprinzip erinnert zugleich an den sowjetischen Konstruktivismus und an die ersten 8-Bit-Computer.

„Zeichen und Symbole“

Die konzeptuellen und geheimnisvollen Gegenstände wollen entziffert und individuell ausgelegt werden. Diese Kompositionen machen den Besuch in LA Collection Air zu einem wahren Abenteuer.

Bei dem „Herzen“ („The Beating Heart“) des Bildhauers Vasily Klyukin (2017) handelt es sich um ein dreieinhalb Meter hohes interaktives Objekt. Seine facettierte Oberfläche deutet die weltbekannten Rubinsterne des Moskauer Kreml an. Nach der Idee des Autors lässt sich die Skulptur in unterschiedlicher Größe ausführen: das „Herz“ kann als ein bescheidener Einrichtungsgegenstand, aber auch als eine grandiose architektonische Installation umgesetzt werden. Das große „Herz“ im Park LA Collection’Air muss die Touristen ansprechen, da jedes Bild vor ihm zum Liebesbekenntnis an Luzern und zu einem unvergesslichen romantischen Erlebnis werden muss.

Die digitale Installation „UserPic“ (2008) stellt eine Infoskulptur vor, eine Visualisierung des Informationsflusses, der um den modernen Menschen braust. Sie gehört zu den bekanntesten Werken der Gruppe Electroboutique. Die Software ermöglicht die Videovorführung von Meisterwerken der Weltkunst über eine LED-Anlage, die zugleich dem Möbiusband und dem Et-Zeichen ähnlich sieht. Bei Electroboutique handelt es sich, nach Definition ihrer Gründer Alexei Shulgin und Aristarkh Tshernyshev, um ein Unternehmen, das Gegenwartskunst produziert. Die Künstler verbinden die Pop-Art-Ästhetik mit moderner Technologie. „UserPic“ wurde in vielen Ausstellungen präsentiert und ist in die Geschichte der russischen Kunst der 2000er Jahre eingegangen.

Zwei Skulpturen aus dem Zyklus „Rock garden“ („Steingarten“, 2015) stammen von Margo Trushina. Der „Steingarten“ setzt sich aus Stein- und Metallobjekten zusammen, die auf einem Freigelände in einer harmonischen Reihenfolge angeordnet sind. Jeder Stein kennzeichnet eine bestimmte Etappe des kontinuierlichen Wandels. Die herkömmliche japanische „Trockenlandschaft“ tritt in den Dialog mit der malerischen Umgebung von LA Collection’Air, der Spiegelstahl reflektiert grünes Gras. Allgemein gesprochen schöpft Margo Trushina Inspiration aus der utopischen Facette der russischen Avantgardekunst. Rückblickend kann die Bildhauerin die Ideen der russischen Avantgardisten im Zusammenhang mit der Geschichte des 20. und frühen 21. Jahrhunderts auffassen.

Die biomorphen Skulpturen von Dmitry Kawarga sind aus technisch hochwertigen Polymeren gebaut. Sie stellen sämtlich den Versuch vor, Denkprozesse zu materialisieren, das Bewusstsein und Unterbewusstsein sichtbar zu machen. Die drei Objekte aus dem Zyklus „Paleo-Geo-Morphology“ („Paläogeomorphologie“, 2012), die „Kerne“ Nr. 6, 8 und 15 sowie die „Habitable sculpture for birds 1“ („Bewohnbare Skulptur für Vögel 1“, 2013), die Bionik und Chaos verkörpern, sind paradoxe Studien mit unverhofftem Ergebnis. Dmitry Kawarga bezeichnet sich selbst als einen „biomorphen Radikalen“. Er denkt sich gern als einen experimentierenden Forscher, der in die eigene Erfahrung eingedrungen ist und versteckte psychophysiologische Prozesse materialisieren kann, indem er ihre dreidimensionalen Projektionen in die Wirklichkeit herüberholt.

„Russian Lace“ („Russische Spitzen“, 2015), „Wings“ („Flügel“, 2015) und „South Totem“ („Südliches Totem“, 2017) von Dmitry Zhukov sind als dreidimensionale Zeichnungen aus Stacheldraht gestaltet, mit symmetrischer Komposition und dynamischen Akzenten. Als Bildhauer ist Dmitry Zhukov ein Dichter des Metalls, er verwendet geformten Damaszener Stahl. Seine typischen Bearbeitungsverfahren sind Aushämmern, Tiefätzung und Brünieren. Die „Wings“ muten wie die Rüstung eines Vogelmenschen an und eignen sich von allen Objekten im Park am besten für ein Selfie. Mit dem „Südlichen Totem“ aber hat der Künstler laut ihm selbst „versucht, das Wachstum als Prozess festzuhalten“. Der Zyklus „Russian Lace“ wandelt das Motiv der Volkshandwerke ab. Dmitry Zhukov ersetzt nicht nur das Material des durchbrochenen Geflechts, sondern fordert uns auf, neue Inhalte dahinter zu entdecken.

„Grand piano“ von Anna Zhelud („Der Flügel“, 2012), ein Phantom des prächtigen orchesterähnlichen Instruments, gehört zu den betont poetischen Skulpturen des Parks. Anna Zheluds Werke balancieren zwischen Minimalismus und pointierter sozialer Botschaft. In Russland und im Ausland kennt man sie als Schöpferin von Gerüstskulpturen aus Eisenstangen. Der „Flügel“ steht auf weißem Sockel vor weißer Wand, wodurch der grafische Reiz des Objekts voll zur Geltung kommt.

Die jetzige Schau im Park LA Collection’Air ist ein glänzender Vorspiel zum bevorstehenden intensiven Kunstleben. Die Open-Air-Sammlung soll durch Werke lokaler Schweizer Künstler, aber auch zeitgenössischer Autoren aus anderen Ländern ergänzt werden.

Die Gründer des Parks hoffen aufrichtig, dass sich LA Collection’Air zu einer weiteren Sehenswürdigkeit von Luzern entwickelt und nicht nur Kunstfreunde anzieht, sondern auch für das breiteste Publikum von Interesse ist.